Rekonstruktion eines
merowingerzeitlichen Sattels

Da Holz und Leder vergehen, sind die Sattelfunde des frühen Mittelalters  im allgemeinen sehr dürftig. Oft blieben, wie in Spötting oder Wünneberg - Fürstenberg, nur ein paar "Nagelreihen" zurück. Aus Oberflacht kennt man hölzerne Fragmente mit Bohrlöchern, die auf einen einfacheren Satteltyp mit niedrigen Zwieseln hinweisen. Solche Sättel sind im Stuttgarter Psalters (um 830) dargestellt.

Interessanter ist ein Fund aus Wesel - Bislich im Rheinland, dort wurden in einem Frauengrab noch Holzreste und Beschläge gefunden, die auf einen hölzernen Sattel mit hohen Zwieseln  hinweisen. Hierzu kennt man Parallelen aus Schweden (Valsgärde 7 u.a.), sowie einen älteren Sattelfund aus Mundolsheim, der den Hunnen zugeschrieben wird.

Ausgangspunkt unserer Rekonstruktion waren die Befunde von Wesel - Bislich, sowie Valsgärde 7. Der Sattel von Wesel -Bislich wurde bereits einmal durch das Rheinische Landesmuseum, nach den ungefähren Abmessungen seiner Beschläge aus der Grablage, rekonstruiert. Allerdings nur der Holzkorpus, der nach diesen Maßen lediglich auf einen Esel passte.

Wir wollten es genauer wissen und bauten die Sättel nach den Vorgaben der Gräber an unseren heutigen Pferden auf.  Die abschließenden Eindrücke von unseren Rekonstruktionen werden zu einem späteren Zeitpunkt detailliert veröffentlicht.

Laut den Angaben des Rheinischen Landesmuseums waren die Sattelbretter und Zwiesel von Wesel - Bislich wahrscheinlich aus Bergahorn, welches schon zu jener Zeit dreifach kreuzweise und aufgeraut verleimt war.


Nachdem die Maße der Pferderücken genommen waren, wurden unter praktischer Anweisung durch meinen Großvater Werner Schüler (Jahrgang 1922, Altmeister im Wagner- und Karosseriebauhandwerk) individuelle hölzerne Negativformen angefertigt. Die einzelnen dünn gehobelten Bretter wurden in diese Form eingelegt und mit Leim bestrichen (Knochenleim ist schon von Alters her bekannt). Anschließend wurden sie mit Schraubzwingen (Modelle aus Holz dürften noch vielen älteren Schreinern bekannt sein) zusammen gepresst. Es gibt keine Funde die diese Arbeitsweise belegen, allerdings müssen diese Arbeitsschritte, allein ob der bloßen Tatsache, dass der ursprüngliche Sattel verleimt war, in Erwägung gezogen werden.



Der schwierigste Teil war das Anpassen der Zwiesel an die Sattelbretter. Die Zwiesel und Sattelbretter wurden später durch verleimte hölzerne Dübel verbunden, auch stabilere eiserne Stifte wären denkbar.



Vorangegangen war das Herausarbeiten der endgültigen Zwiesel und Sattelbretterformen. Wenngleich wir hier mit einem moderneren Hobel und Feilen arbeiten, bewegen wir uns doch ab hier wieder auf gesichertem Boden. Das Messer eines Hobeleisens sowie einige Feilen und Bohrer fanden sich u.a. auf dem Runden Berg bei Urach und werden in die zweite Hälfte des 5. Jh datiert.



Hier werden die Beschläge mit individuellen Motiven des germanischen Tierstil herausgearbeitet. Beim Originalsattel von Bislich waren die Applikationen aus einer Kupferlegierung gegossen, die schwedischen Applikationen waren aus Bronze. Die Legierungen waren schon damals sehr unterschiedlich, die Römer schätzten Beschläge aus Messing.
Richtfest, das Anbringen der Kantenbeschläge über die gerundeten Enden hatte sich als weniger schwierig erwiesen als zunächst befürchtet. Die Arbeit wurde mit einem Negativstempel aus Hartholz durchgeführt.



Als Ulfhednar muss man auch nähen können! Fast in jedem Grab jener Zeit, auch bei Adligen, fand sich eine Nähnadel. Hier nähen wir Taschen unter die Sattelbretter. Es besteht auch die Möglichkeit, dass speziell mit Roß-, oder Rehhaar gefütterte Satteldecken verwendet wurden, um eine individuelle Anpassung an den Pferderücken zu erzielen.

Das Streitobjekt, gab es Steigbügel oder nicht? Eiserne Steigbügel finden sich in germanischen Gräbern ab 600 n.d.Z.. Es gibt eine ganze Anzahl verschiedener Typen. Die immer wieder aufgestellte Behauptung, dass Steigbügel erst ab dem 8/9. Jh. aufgekommen wären, ist schlicht und ergreifend falsch. Wie aber sah es vorher aus? Bei allen unseren Pferden (zur Beruhigung der Kleinkarierten, es sind keine Quarterhorses dabei, wir spielen nicht Indianer!), die mit einem Stockmass zwischen 145 und 150 cm nicht soviel größer sind als die damaligen Pferde, fällt das schnelle Aufspringen mit Schild und Speer, Schwert, Franziska und Sax, sowie unter Umständen mit einem Lamellenpanzer, trotz Übung nicht unbedingt leicht. Selbst unter Verwendung einer ledernen Schlaufe als Aufstiegshilfe sollte man, bei diesen hochrahmigen und dick aufgepolsterten Sätteln, über eine gewisse Gelenkigkeit verfügen.

Einer von mittlerweile 5 selbstgebauten, es entstehen immer wieder neue Erkenntnisse......


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